V: Indizien und ein Urteil

Akupunktur im Westen:
 Am Anfang war ein Scharlatan

Teil I.     Zusammenfassung
Teil II.   
Erst Cholera, dann “funktionelle Störungen”
Teil III. 
Unbegreifliche Aussagen
Teil IV.   
Der GAU des Hochstaplers
Teil V.    
Indizien und ein Urteil
Teil VI.   
Ist TCM Kultur oder Medizin?
Teil VII. 
Nachtrag: Was taugt die Akupunktur?
Teil VIII.
Literaturangaben und Anmerkungen
Teil IX.  
Fotos

Teil V: Indizien und ein Urteil

15. Weitere Indizien: Deqi und Punktezahl

Übrigens weisen die chinesischen Lehrbücher darauf hin, dass die verschiedenen diagnostischen Methoden immer auch widersprüchliche Ergebnisse erbringen können. Aber weil Soulié de Morant anfangs außer der Pulsdiagnose keine weiteren diagnostischen Methoden kennt, gibt es bei ihm auch keine Widersprüche. Also auch keine Kriterien, wie damit zu verfahren ist.
Anschließend noch einige Indizien, die ebenfalls belegen, dass Soulié de Morant ohne jegliche Kenntnisse der realen Akupunktur anfing, diese zu lehren.
Erstens, die Nadelung. Welche Aspekte davon beschreibt er in seinen Anfangsjahren?
Vor allem Punktauswahl, Stichtiefe, Verweildauer.
Was letztere betrifft, so habe ich bereits die merkwürdige Vorstellung erwähnt, derzufolge die gesamte Behandlung bei Cholera mit einer Nadel erfolgt wäre, so dass sie in jedem Punkt nur Sekunden hätte verweilen können.
Aber von einem entscheidenden Aspekt weiß Soulié de Morant gar nichts: dass die Nadel in China mit dem Ziel stimuliert wird, ein bestimmtes Nadelgefühl hervorzurufen, nämlich das   得气 Deqi ("Das Qi erreichen"). Gemeint ist eine Empfindung des Patienten, die dumpf und ziehend sein kann, an einigen Stellen aber auch wie ein leichter elektrischer Schlag empfunden wird. Dieses Deqi ist in China sowohl in der Praxis wie auch schon in den frühesten Quellen ein entscheidendes Kriterium. Soulié de Morant aber weiß nichts davon, erwähnt es auch später nicht. Völlig ausgeschlossen, dass ein chinesischer Akupunkteur ihm nichts davon gesagt hätte – selbst dann, wenn es nur einen einzigen Lehrer gegeben hätte, geschweige denn drei oder mehr.

Zweitens, die Punktezahl. Wie viele Akupunkturpunkte gibt es eigentlich?

Das Huangdi Neijing postuliert 365 reguläre Leitbahnpunkte, nennt selber jedoch viel weniger. Die 365 wurden jedoch auch später nie erreicht. Als es 361 Einzelpunkte sind, stagniert die Theoriebildung. Von denen gehören 52 zu Du- und Ren-Leitbahn (heute! – Soulié de Morant kennt nur 51), die auf der hinteren bzw. vorderen Medianlinie verlaufen, also nur einmal vorhanden sind. 309 Punkte liegen auf bilateral verlaufenden Bahnen, sind also doppelt vorhanden. Macht 618+52 = 670 reguläre Leitbahnpunkte als Kernbestand.
Schon früh jedoch wurden weitere Punkte verwendet, beispielsweise der Punkt Yintang zwischen den Augenbrauen. Obwohl dieser exakt auf der Du-Leitbahn liegt, wird er schon nicht mehr in ins theoretische System integriert und gilt stets als "Punkt außerhalb der Leitbahnen". Noch später gefundene Punkte heißen Neupunkte, bei denen es nicht erstaunt, dass verschiedene Autoren sie unterschiedlich bewerten. In der Kulturrevolution gab es geradezu einen Wettlauf zur Auffindung neuer Punkte, insgesamt an die 2000, wovon Soulié de Morant natürlich nichts wissen konnte. Wie viele Punkte nennt er also?
388 heißt es Juni 1929 im ersten Aufsatz, ohne sonstige Angaben (72).
834 sind es in zweiten Aufsatz, mit der Anmerkung:
Dans la pratique courante, on n’en utilise guère plus de quatre-vingt-dix (73). ("In der heutigen Praxis verwendet man kaum mehr als 90").
Kein Hinweis, wie er zu der Zahl "834" gekommen ist. Auch wie er zu den “kaum mehr als 90” Punkten gekommen ist, teilt er niemals mit, noch weniger, welche es sind. (Im Précis, seinem ersten Akupunkturbuch, nennt er 75 “unverzichtbare Punkte”: darunter weitgehend bedeutungslose Punkte wie Dü07-Zhizheng oder Bl64-Jinggu, während wichtige Punkte Punkte wie Ren12-Zhongwan, Gb20-Fengchi, Du26-Renzhong oder Ma25-Tianshu fehlen).
738 Punkte ("392 qi, pour près de moitié, sont symétriques, ce qui donne un total de 738") nennt im im ersten allein geschriebenen Aufsatz vom April 1932 (74). Dasselbe im zweiten allein verfassten Aufsatz vom Juni 1932 (75).
800 ("huit cents points") nennt er im März 1933 (76).
785 schließlich nennt er als Gesamtzahl in seinem Hauptwerk von 1939 (77) (in dem er erstmals auch 44 Extrapunkte vorstellt).

Von diesem Werk verfüge ich über einen Vorabdruck aus dem Jahr 1938, und dort findet sich ein bezeichnender Fehler. In der Tabelle nämlich, aus der sich die Zahl der Punkte errechnet, hat Soulié de Morant die Lungenleitbahn komplett vergessen: so ergibt sich eine um 11x2=22 Punkte niedrigere Gesamtzahl der Punkte, nämlich 763 (78). Gewiss, Fehler passieren immer. Dass aber Soulié de Morant weder den Fehler in der Tabelle noch den im Resultat bemerkt und den Text in Druck gehen lässt, zeigt (wie auch all die früher genannten, völlig unterschiedlichen Zahlen) eines: dass er selbst 1938 von der Zahl der Punkte noch immer keinerlei fundierte Vorstellung hat. Andernfalls müsste er sie nicht von Mal zu Mal neu ausdenken bzw. berechnen.
Dafür gibt es noch ein weiteres Indiz. In seinem Hauptwerk führt Soulié de Morant wie gesagt erstmals auch 44 "Punkte außerhalb der Meridiane" auf, die er, falsch übersetzend, "wunderbare Punkte" nennt – derselbe Fehler, der ihn auch von den "acht zusätzlichen Leitbahnen" 奇经八脉 Qi jing ba mai als "Wundermeridiane" sprechen lässt. Die meisten dieser zusätzlichen Punkte sind bilateral, also jeweils zweimal vorhanden. 3 davon liegen jedoch mittig, nämlich zwischen den Augenbrauen (Yintang) bzw. auf der Zungen-Mittellinie (Haiquan und Juquan – wobei Soulié letzteren Punkt zwar korrekt zeichnet, aber im Text von der Zungenmitte an die Zungenspitze verlegt). Bei der Berechnung der Gesamtpunktzahl jedoch vergisst Soulié de Morant das und verdoppelt ohne nachzudenken alle 44 Punkte, also 44x2=88 Punkte (79). Dies zeigt, dass er (wie das meiste in seinem Hauptwerk) auch diese Punkte lediglich aus Büchern abgeschrieben, jedoch in der Praxis nie benutzt hat. 


16. Die Untiefen der Akupunktur

Drittens, die Stichtiefe. Eine der größten Merkwürdigkeiten in der Akupunktur des Soulié de Morant.
Ich habe schon erwähnt, dass seine Angabe, bei den Cholerapatienten hätten einige Stiche von 3 oder 4 mm Tiefe ausgereicht, unglaubwürdig ist.
Dennoch bleibt Soulié auch später bei dieser geringen Stichtiefe, wenn auch mit gewissen Abweichungen. Im Précis von 1934 heißt es:
La profondeur des piqûre varie selon le point, ... de 1 mm sur les doigts, elle atteint 5 à 6 mm aux cuisse et ne dépasse guère 3 à 4 mm en moyenne (80). ("Die Stichtiefe variiert je nach Punkt ... von 1 mm an den Fingern, erreicht sie 5-6 mm am Oberschenkel und überschreitet im Mittel kaum 3-4 mm").
In einem Aufsatz vom Mai 1934 schreibt er sogar:
Le traitement de tous les troubles fonctionnels sans lésion, par simples piqûres, à 2 ou 3 mm ... est à coup sûr le don le plus important que l’Extrême-Orient ait fait à la médecine occidentale, nous dirons même à la Science (81). ("Die Behandlung aller funktionellen Störungen ohne Läsion, durch einfache Stiche von 2 oder 3 mm ... ist sicher das wichtigste Geschenk, das der Ferne Osten der westlichen Medizin gemacht hat, wenn nicht der Wissenschaft überhaupt").
2 oder 3 Millimeter Stichtiefe, und das an Bauch, Hüfte oder Oberschenkel – unbegreiflich. Das steht im krassen Widerspruch zur chinesischen Akupunktur, und zwar sowohl deren Praxis wie auch der Literatur, den älteren Werken ebenso wie den modernen. Als Beispiel kann hier Magen36-Zusanli dienen, der meistverwendete Punkte der Akupunktur. Das Outline von 1975 gibt hier als Stichtiefe an: Perpendicularly 1.0-1.5 inches (82). Hierbei meint "inch" das "persönliche Zoll" der Akupunktur (Cun), das je nach Größe des Patienten variiert und etwa dessen Daumenbreite entspricht. Bei erwachsenen Männern entspricht 1 Cun ca. 2,5 cm – die 10-fache Stichtiefe von dem, was Soulié de Morant angibt.
Das weiß dieser auch, jedenfalls nachdem er sich mehr und mehr in die chinesische Literatur eingearbeitet hat. Was nämlich deren Kenntnis angeht, so zeigt sich bei Soulié de Morant eine deutliche Entwicklung. 1934, als sein Précis erscheint, kennt er von den chinesischen Werken kaum etwas; folgerichtig verzichtet er hier auf jede Literaturangabe. Im Hauptwerk von 1939/1941 ist das anders: hier reiht sich ein Zitat ans andere. Wichtigstes Werk für die Darstellung der Akupunktur ist dabei das 针灸大成 Zhenjiu Dacheng ("Großes Kompendium der Akupunktur" von Yang Jizhou 1601). Was nun die Punkte angeht, so gibt dieses Werk immer auch die erforderliche Stichtiefe an. Dabei zitiert es seinerseits ältere Werke. Obwohl es dort Abweichungen bei der Stichtiefe gibt, liegt diese fast immer weit tiefer als die 3 oder 4 mm, die Soulié de Morant bei seiner ersten Akupunktur gesehen haben will.
Hier ein Beispiel aus dem Zhenjiu Dacheng, und zwar ebenfalls zum Punkt Magen36-Zusanli (davor jeweils die Namen der zitierten Klassiker). 1 Fen ist 1/10 Cun, also ca. 2,5 mm.
素注 Su Zhu:      Nadelung 1 Cun, Moxa 3 Kegel
铜人 Tong Ren: Moxa 3 Kegel, Nadelung 5 Fen 
明堂 Ming Tang: Nadelung 8 Fen (83).
Die empfohlene Stichtiefe in den chinesischen Klassikern für den Punkt Magen36-Zusanli liegt also zwischen 5 Fen (ca. 1,2 cm) und 1 Cun (ca. 2,5 cm). Was aber macht Soulié daraus?
Wie gesagt: er ignoriert es. Obwohl die chinesische Bücher bei jedem Punkt die Stichtiefe angeben – zumindest für den Anfänger eine wichtige Information – lässt Soulié de Morant, der sonst seitenweise zitiert, es einfach weg. Schon deshalb (aber noch mehr aus inhaltlichen Gründen) ist sein Hauptwerk didaktisch völlig unbrauchbar.
Genauer gesagt: er lässt die Stichtiefe bei den einzelnen Punkten nicht nur weg. Sondern er macht eine allgemeine Angabe, die für sämtliche Punkte gelten soll (was auch deshalb didaktisch unbrauchbar ist, weil zu jedem Punkt neben der Stichtiefe auch die Richtung des Stiches – senkrecht, schräg oder fast horizontal – gehört). Und hier erlaubt sich Soulié de Morant eine bemerkenswerte Kühnheit. Genauer gesagt: er verschweigt und verdreht, aus was für Gründen auch immer, die Tatsachen.
Er erwähnt nämlich durchaus die chinesische Literatur, wenn auch bewusst ohne Angabe der konkreten Quellen:
Near the nails of the fingers, the authors indicate .1 cun (hardly 2 mm); needle horizontally. In fact, 1 mm is sufficient. In the fleshy parts, particularly at Sanli of the leg [Magen36-Zusanli], between the anterior tibial muscle and the extensor, the "certain" depth would be .8 cun (1,6 cm). In fact, five or six millimeters is completely sufficient (84).
Frech! Wie ist er darauf gekommen, die Stichtiefe auf die Hälfte, ja sogar ein Drittel von dem zu reduzieren, was die Chinesen lehren? Auf Grundlage welcher Erfahrungen? Und seit wann sah er sich veranlasst, so krass von den chinesischen Angaben abzuweichen?
Dass seine angeblichen chinesischen Lehrer selbst hier keinerlei Erwähnung finden, ist wiederum entlarvend. Spätestens hier wäre doch die Erklärung überfällig: Hat ihn einer seiner Lehrer diese oberflächliche Nadelung gelehrt? Oder gar alle drei? Hat er, Soulié de Morant, es schon in China gewagt, seine angeblichen Patienten anders zu nadeln, als seine angeblichen Lehrer es lehrten? Und waren die Patienten nicht erstaunt darüber?
Wie immer bei Soulié de Morant, kein einziges Wort dazu.
Und wieder gibt es dafür nur eine Erklärung: In Wahrheit gab es weder diese Lehrer, noch Souliés chinesische Patienten, noch deren Nadelung.

Das sagt nicht nur die Logik, sondern auch eine ganz simple Überlegung. Wie oben angemerkt, ist es nicht vorstellbar, dass von drei erfahrenen chinesischen Akupunkteuren ihn keiner auf jenen essentiellen Aspekt der Akupunktur hingewiesen hätte, von dem ich oben sprach: das Deqi, das Erreichen des Nadelgefühls. Dieser Aspekt macht in der chinesischen Praxis die Frage nach der theoretischen Stichtiefe oftmals belanglos: nach dem Einstich wird das Nadelgefühl gesucht, teils durch geringfügiges Zurückziehen der Nadel und eine leichte seitliche Richtungsänderung, teils durch eine tiefere Nadelung.
Nur weil Soulié weder vom Deqi jemals gehört hat, noch eine Vorstellung hat, wie es hervorgerufen wird, kann er überhaupt auf die Idee von solch lächerlich flacher Akupunktur kommen.
Und weil er das nicht weiß, ist es auch schlichtweg unmöglich, dass er die Akupunktur in China bei chinesischen Akupunkteuren gelernt hat.


17. Tiefe Stiche, hundert Moxa-Kegel: Woher stammte das?

Die Farce mit der Stichtiefe hat übrigens ein interessantes Vorspiel. Im allerersten Aufsatz vom 1929, zusammen mit Ferreyrolles geschrieben, finden sich nämlich zu dem erwähnten Punkt Magen36-Zusanli folgende Angaben:
San-li du pied ... Pénétration de 24 mm. Durée: 60 respirations. Cautérisations: 100 (85). ("Sanli des Beins [chin. Zu = Bein] ... Stichtiefe 24 mm. Dauer: 60 Atemzüge. Moxa-Kauterisation: 100").
Lustig. Da behauptet Soulié de Morant, seit seiner Zeit in China ein erfahrener Akupunkteur zu sein. Er behauptet zu wissen, dass bei diesem Punkt five or six millimeters völlig ausreichen. Kann man da glauben, dass er dennoch – ausgerechnet beim wichtigsten Punkt der chinesischen Akupunktur – in seinem ersten Aufsatz darüber die 4-fache Stichtiefe hinschreibt, nämlich 24 mm?
Wieder gibt es keine Erklärung als diese: Als er das schreibt, weiß von der realen Akupunktur nichts. Alles, was er darüber mitteilt, hat er sich selber erst in den Jahren nach 1929 angelesen.

Aber es wird noch lustiger. Woher stammt nämlich die oben zitierte Angabe im allerersten Aufsatz zur Nadelung von Magen36-Zusanli: Stichtiefe 24 mm. Dauer: 60 Atemzüge. Moxa-Kauterisation: 100?
Sicherlich, sollte man annehmen, vom profunden Kenner Soulié de Morants, angeblich in den Augen des chinesischen Gesetzes Akupunkteur. Oder wenigstens aus einem der Bücher, die ihm seine Lehrer gaben?
Nein, nicht einmal das. Sondern es stammt aus demselben Buch, wo er im ersten Aufsatz schon die Angaben zum Nadelmaterial abgeschrieben hattenämlich von Dabry. Dieser schreibt 1863:
36 San-ly ... Pénétration, 24 millimètres; durée, soixante respirations; cautérisations, cent (86). ("Stichtiefe, 24 mm. Dauer, 60 Atemzüge, Moxa-Kauterisation: 100").
Ein starkes Stück: Soulié de Morant, der angeblich erfahrene Akupunkteur, übernimmt wörtlich die Angaben eines alten Franzosen – definitiv ein Nichtmediziner. Und das mit einer Stichtiefe, die Soulié aufgrund seiner angeblichen Erfahrung für völlig falsch halten müsste. Auch das, einmal mehr, entlarvend.
Und was bedeutet eigentlich die seltsame Angabe Moxa: 100?
Das erklärt er nicht. Hier nicht, später auch nicht. Warum eigentlich nicht?
Offenbar darum, weil er es (wie alles andere) am Anfang nicht weiß, aber zu diesem Zeitpunkt noch meint, er werde es in den Büchern später schon herausfinden. Klappt aber nicht. Eine Erklärung findet sich nirgends, also kann er es auch später nicht erklären. (Ich auch nicht. In anderen chinesischen Klassikern findet sich sogar bei einzelnen Punkten die Angabe Moxa: 500 Kegel – möglicherweise ein durch die Überlieferung entstandener Schreibfehler). 


18. Akupunktur bei Cholera: Woher stammte das?

Bleibt die Frage: Wie kam Soulié de Morant – sonst stets behauptend, die Akupunktur sei nur für funktionelle Störungen geeignet – auf die Idee, sein Interesse für die Akupunktur ausgerechnet mit der wunderbaren Heilung von Cholera zu begründen? Und warum nennt er, der angeblich erfahrene Akupunkteur, niemals die Punkte, deren Nadelung er nicht nur gesehen, sondern angeblich auch gelernt und angewandt haben will?
Das Faktum selber entspricht, wie schon erwähnt, der Realität. Es gab Berichte über die Akupunktur bei Cholera, auch und gerade unter den in China lebenden Franzosen. Auch Soulié hatte offenbar davon gehört, ohne allerdings den Ursprung dieser Berichte zu kennen. Und weil er ihn nicht kannte (und weil alles andere an der Geschichte geschwindelt war), konnte er auch die Punkte nicht angeben, die bei der Cholera genadelt wurden.

Die Quelle selber ist glaubwürdig. Sie ist es gerade deshalb, weil hier ein außenstehender Beobachter ganz objektiv berichtet, was er selber gesehen hat. Dieser Beobachter ist Prosper Giquel: ein französischer Offizier, dessen Battalion 1864 bei der Niederschlagung des Taiping-Aufstandes beteiligt war. Sein Bericht, herausgegeben von Steven A. Leibo, erschien 1985 unter dem Titel A Journal of the Chinese Civil War 1864. Hier schreibt Giquel:
July 18. – The battalion carpenter, a veritable Hercules, was also struck by cholera. His attacks were horrible. We sent for a Chinese physician, who without flinching used acupuncture; that is to say, he stuck a silver needle first in the stomach, then in the forehead, the nose, the lips, leg joints, and underneath the fingernails. The effect was almost immediate – the cramps stopped. The doctor gave him some pills and he fell asleep (87).
Genau die Angaben, die man auch von Soulié de Morant erwartet hätte, wenn er das wirklich gesehen hätte. Eine Silbernadel. Und wohin? In den Magen, oder wohl eher über dem Magen, aber jedenfalls tiefer als 3-4 Millimeter, so dass der Offizier den Eindruck haben konnte, der Stich sei in den Magen gegangen. Dazu Stirn, Nase, Lippen, Beingelenke – anzunehmen, dass hier auch der mehrfach erwähnte Punkt Magen36-Zusanli zum Zuge kam.
Außerdem, für einen echten chinesischen Arzt fast selbstverständlich: The doctor gave him some pills.
Giquel bleibt ein gelassener Beobachter. Am nächsten Tag registriert er:
July 19. – The carpenter feels much better, although still quite weak. Another European, skipper of one of the two gunboats, has been struck down in turn ... We tried acupuncture on him, but without much effect since he was exhausted ... The Chinese physician looked discouraged. However, at six-thirty in the evening the attacks stopped and he fell asleep, his pulse became stronger (88).
Danach wendet sich der Bericht wieder den militärischen Ereignissen zu.
Nun spielten sich diese Cholerafälle nicht in einem Privathaus oder auf einem kleinen Ausflugsboot ab. Vielmehr handelte es sich hier um einen Verband von Kanonenbooten und Transportschiffen für die Mannschaften. Dies allerdings geschah weit weg vom trockenen Peking, nämlich in der wasserreichen Provinz Anhui südwestlich von Shanghai. Zeugen waren neben Giquel auch zahlreiche andere Offiziere und Soldaten. Anzunehmen ist, dass ähnliche Berichte in vielen Versionen kursierten. Auch Soulié de Morant wird in Shanghai oder Yunnan-fou davon gehört haben, allerdings weniger detailliert als in Giquels Bericht. Kein Wunder also, dass er nie imstande war mitzuteilen, wo der chinesische Arzt genadelt hatte.
So ist denn der Bericht des Prosper Giquel ein letztes Indiz dafür, dass nicht nur Soulié de Morants Erwähnung der angeblichen chinesischen Lehrer geschwindelt war, sondern die ganze Geschichte von seiner Bekehrung zur Akupunktur gleich nach seiner Ankunft 1901 in Peking.
 
Ich fasse zusammen: Von all den vielen Dingen, was Soulié wissen müsste, wenn er tatsächlich in China Akupunktur gelernt hätte, weiß er nichts. Das Fehlen jeglicher Angaben, zu denen er imstande sein müsste, wenn er wirklich in China Patienten untersucht und behandelt hätte, lässt ebenso wie die eklatanten Fehler, Auslassungen, Widersprüche und bewusst falschen Angaben in seinen Schriften keinen anderen Schluss zu als den:
Die Behauptung George Soulié de Morants, er habe in China Akupunktur gelernt und praktiziert, war gelogen. Alles, was er zur Akupunktur schrieb, beruhte nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern einzig auf seinen Vorstellungen aufgrund seines Bücherstudiums ab 1929. Dass ihm hierbei zahlreiche Fehler in der Übersetzung, im Verständnis und in der Bewertung unterliefen, war unvermeidlich. So begann die moderne westliche Akupunktur mit einem großangelegten Betrug. 


19. Ein Nobelpreiskandidat vor Gericht

Ein Betrug – aber Soulié de Morant kam damit durch.
Warum also nenne ich ihn eine tragische Gestalt?
Nun, vorerst sah alles gut aus. Seit dem Ausscheiden aus dem Dienst des Außenministeriums war er tatsächlich "Konsul", zumindest dem Titel nach. Der selbstverliehene Adelsname "de Morant" wurde legalisiert und in die Dokumente eingetragen, so dass auch seine Kinder und andere Nachkommen ihn führen durften. Seine Mischung aus Schweigen und Schwindeln über die Zeit in China hatte man ihm abgekauft. Er verdiente Geld, er galt als führender Experte der chinesischen Medizin. Namhafte Persönlichkeiten wie Jean Cocteau ließen sich von ihm behandeln.
Roger de la Fuye, sein aktivster Schüler, ging inzwischen seine eigenen Wege – zwar weniger fleißig als sein Meister, aber wie dieser gleichfalls ein begnadeter Hochstapler. Um sich von seinem Lehrer abzusetzen, tischte er schon bald seine eigene Geschichte auf, wie er zur Akupunktur gekommen sei: angeblich im Alter von 23 Jahren in Japan. Immerhin war er, anders als Soulié de Morant, studierter Arzt. Als solcher gründete er 1945 die Société Française d’Acupuncture: die erste Akupunkturgesellschaft in der westlichen Welt. Seitdem herrschte vermutlich unter der Oberfläche eine heftige Rivalität zwischen Lehrer und Schüler, die einer im andern den Scharlatan erkannten.

Aber noch ging alles gut. 1950 machte ein Professor Meriel den Vorschlag, Soulié de Morant als Kandidaten für den Medizin-Nobelpreis vorzuschlagen. Daraus wurde zwar nichts, aber für den Vater der westlichen Akupunktur muss es der Höhepunkt seines Lebens gewesen sein. Die Zweifler verstummt, die vielen Auslassungen, Fehler, Widersprüche verziehen, die Lügen unbemerkt ... das muss ihn übermütig gemacht haben.
Bis dahin hatte er den eigenwilligen Roger de la Fuye nie öffentlich kritisiert. Jetzt, mit dem vorgeschlagenen Nobelpreis im Rücken, fühlte er sich stark genug dafür. Anlass wurde ein Streit, wie viele Sitzungen für eine Akupunkturbehandlung notwendig seien. Soulié de Morant war der Auffassung, normalerweise höchstens drei. De la Fuye brauchte viel mehr, und das ließ er sich im voraus bezahlen. Also schrieb Soulié 1951 in einem Aufsatz:
Une séance suffit pur les troubles assez récents; deux ou trois au plus pour les cas anciens ou graves. Un charlatan diplômé parisien demand jusqu’à qinze séances payées d’avance, même pour un rhume de cerveau ... (89). ("Eine Sitzung reicht für akute Beschwerden, höchstens zwei oder drei für ältere oder schwerere Fälle. Ein diplomierter Pariser Scharlatan verlangt bis zu 15 Sitzungen, im voraus zu bezahlen, selbst bei einer simplen Kopfgrippe ...")
Der "diplomierte Scharlatan" war Roger de la Fuye. Dieser rächte sich auf seine Weise. Erst ließ er etwas Gras über die Attacke wachsen, wiegte Soulié de Morant in Sicherheit. Dann aber schlug er zu und zeigte seinen Lehrer 1953 wegen "unerlaubter Medizinausübung" an.
Aus dem Himmel höchster Anerkennung stürzte der 74-jährige Soulié de Morant – ehedem angeblich "Arzt" und "Richter" – auf den harten Boden der medizinisch-juristischen Wirklichkeit. Er, der Ehrgeizling, nach Anerkennung Hungernde, stand auf einmal als Angeklagter vor Gericht.

Als ich 2007 Soulié de Morants Tochter Evelyne interviewte, weigerte sie sich, über den Prozess zu sprechen. Aber es braucht nicht viel Phantasie, sich dessen Verlauf vorzustellen. Selbst wenn Soulié de Morant öffentliche Vorträge immer vermieden hatte, um lästigen Fragen auszuweichen – vor Gericht konnte er sich ihnen nicht entziehen. Anzunehmen ist, dass auch de la Fuye solche Fragen stellte, oder er sorgte dafür, dass sie gestellt wurden. Etwa in welchem Hospital die Sache mit der Akupunktur bei Cholera stattgefunden hätte, und warum der begeisterte Soulié die französischen Ärzte nicht darüber informierte. Warum er nie irgendwelche Tips seiner Lehrer erwähnt. Wo und wie er in Peking, Shanghai oder Yunnan-fou Patienten behandelt hätte, und ob Dr. Feray oder Kollegen aus den Konsulaten das bestätigen könnten ...
Seine anderen Schüler, alles ausgebildete Ärzte, eilten ihm zu Hilfe. Obwohl formal berechtigt, sahen sie in de la Fuyes Anzeige eine Art akademischen Vatermord. Und sie fanden einen Dreh, der Anklage die Spitze abzubrechen: demnach hätte Soulié de Morant auch dann, wenn er in seinem Haus Patienten behandelte, dies immer noch unter ihrer Aufsicht und Anleitung getan, selbst wenn sie körperlich nicht anwesend waren. Patienten, die sich beklagten, gab es nicht; so ließ der Richter sich auf den Deal ein. Soulié de Morant wurde freigesprochen.
Aber er verließ das Gericht als gebrochener Mann. Er, der Honorarkonsul und Nobelpreisanwärter, vom eigenen Schüler angezeigt, als Angeklagter vor Gericht – das verwand er nie. Bald darauf erlitt er einen Schlaganfall. Ein Jahr lang arbeitete er weiter. Mit zittriger Hand schrieb er an den Schlusskapiteln seines Hauptwerkes, führte weiterhin seine Korrespondenz. Der zweite Schlaganfall brachte das Ende. Am 10. Mai 1955 starb er in seinem Haus in Neuilly.

Heute ist er, der damals Hochgeehrte und Tiefgestürzte, auch in Frankreich fast vergessen. In der Sinologie scheint er nicht existent und wird so gut wie nie zitiert, trotz seiner vielen Bücher über alle möglichen chinesischen Themen. In der westlichen Akupunktur ist er ein Mythos, aber gelesen wird er kaum. Als ich 2005 am französischen Generalkonsulat in Shanghai nach ihm fragte, kannte keiner den Namen. In den dortigen Unterlagen (wenig genug, denn die alten Dokumente liegen größtenteils im Zentralarchiv in Aix-en-Provence) war er nirgends erwähnt. Auch bei der Shanghaier Alliance Française konnte niemand mit dem Namen etwas anfangen.
Seine Tochter in Paris empfing mich freundlich. Sie war davon überzeugt, dass ihr Vater eine große Persönlichkeit, ein großer Wissenschaftler gewesen sei. Aber über das Innenleben dieses verschlossenen Mannes wusste sie wenig, über seine Zeit in China gar nichts. Ihrer Tochter, der Enkelin Soulié de Morants, versuchte ich in einem Brief anzudeuten, dass mit den Berichten ihres Vaters etwas nicht stimmen könne: Warum z.B. sprach er nie über die Patienten, die er angeblich in China behandelt hatte? Ihre Antwort klang verärgert: Vermutlich deshalb, schrieb sie, weil er das Patientengeheimnis wahren wollte.
Den Vater bzw. Großvater dieser beiden Frauen als Hochstapler entlarven zu müssen, ist mir kein Vergnügen. 

---> Teil VI: Ist TCM Kultur oder Medizin?
 

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